Muss
für Sie ein Lehrer professionell getanzt haben?
Vorzugsweise ja ! Der Lebensrhythmus eines professionellen Tänzers ist ein ganz
anderer. Hat man das nicht erlebt, kann man es nicht weiter geben.
Tänzer zu
sein, ist Beruf und Berufung, das muss ein Lehrer vermitteln können.
Pour vous un
enseignant doit-il avoir dansé professionnellement ?
En priorité oui ! Le rythme de vie d'un danseur professionnel est complètement
différent. Si on n'a pas vécu cela, on ne peut pas l'expliquer.
Etre danseur est une profession pour laquelle il faut beaucoup de passion et de dons;
un enseignant doit pouvoir le transmettre.
Für alle Liebhaber des klassischen
Tanzes ist Marika Besobrasova eine der letzten großen Meisterinnen. Sie hatte
Schüler wie Rudolf Nurejew, Erik Bruhn, Svetlana Beriosova... Und näher an
unsere Zeit: Friedemann Vogel, Filip Barankiewicz und Sue Jin Kang vom
Stuttgarter Ballett. Jede große klassische Kompanie in Europa hat eine Tänzerin
oder einen Tänzer, der bei ihr trainiert hat. Vor 40 Jahren habe auch ich einen
Sommer lang bei ihr trainiert, 20 Jahre danach hat mich Papa Beriozoff zu einer
Probe in ihre Schule mitgenommen und in diesem Sommer nun habe ich sie in ihrer
Schule in Monte Carlo besucht.
Sie ist schon sehr alt, kann nicht mehr gehen
und sitzt in ihrem Sessel, um dem Unterricht zu folgen. Sie ruft immer wieder
ihre Korrekturen und fragt die Schüler: Wie heißt dieser Schritt, was für einen
Muskel arbeitet, zeige mir diesen oder dieser Knochen. Sie sagte zu mir: „Zuerst
die Theorie, die Schüler müssen wissen, was sie tun!“.
Sie hat mir viele
Geschichten erzählt, zum Beispiel von der Zeit, als sie mit John Cranko und der
Stuttgarter Kompanie auf einer Tournee in Russland war. Jeder und ganz besonders
sie wurden auf Schritt und Tritt kontrolliert - es war die Zeit direkt nach der
Flucht von Rudolf Nurejew. Sie hatte für die Familie von Nurejew Päckchen mit
warmer Kleidung mitgebracht und schmuggelte diese Geschenke vom Hotel ins
Theater. Eines Tages wurde sie von einem Militärbeamten angehalten. „Was machen
Sie da, wir wissen, dass Sie immer Päckchen transportieren, was ist das?!“,
brüllte er Sie an. Sie antwortete: „Pullover, schauen Sie, wollen sie einen?“.
Heute ist sie 91 Jahre alt und ich bin stolz, dass ich ihr meine sechs Fragen
stellen durfte.
Ein kurzer Lebenslauf
Marika
Besobrasova ist eine der berühmtesten Ballettlehrerinnen in Europa. Sie
unterrichtet in Monte Carlo seit 1940. Ihre Schule, die „Académie de Danse
Classique Princesse Grace“, ist ein Treffpunkt für zahlreiche Ballettstudenten
und Profis aus der ganzen Welt. Im Jahr 1918 im russischen Jalta geboren, musste
sie früh mit ihrer Familie vor der russischen Revolution fliehen und bekam mit
12 Jahren Ballettunterricht bei Madame Julie Sedova in Nizza. Sie tanzte danach
ab 1935 in den Ballets Russes de Monte Carlo von René Blum. 1940 gründete sie
das Ballet de Cannes de Marika Besobrasova. Ab 1966 leitete sie neben ihrer
Schule in Monte-Carlo auch die Leitung der Schule des Balletts der Oper in
Zürich und des Balletts der Oper in Rom. Sie war als Gastlehrerin in ganz Europa
gefragt, von 1970 an arbeitete sie eng mit dem Stuttgarter Ballett zusammen.
1974 stellte ihr Prinz Rainier eine wunderbare Villa, die „Casa mia“ zur
Verfügung, wo sie ihre Schule heute noch weiterführt.
Sechs
Fragen an die „Lehrer die uns bewegen“
Das Büro von Marika Besobrasova
mit der Sammlung von Tanzmedien und Tanzkustwerken. Foto: © Marika
Besobrasova
Wie und wann sind Sie zum Unterrichten gekommen?
Meine erste Schülerin war die Tochter des Milchmanns gegenüber vom
Palladium in Nizza, wo wir damals wohnten. Ich war 12 Jahre jung und ich hatte
gerade mit Ballett angefangen. Wir waren mit meinen Großvater aus Russland
emigriert, er war General der Kaiserlichen Armee von Zar Nikolaus II. gewesen.
Der Milchmann hatte erfahren, dass ich schon Ballettunterricht hatte und fragte
mich, ob ich seine Tochter unterrichten könnte. So kam die Tochter des
Milchmanns in mein Zimmer, die Stange war das Eisengerüst meines Bettes und ich
habe meinen ersten Unterricht gegeben.
Ich habe mein ganzes Leben nie
aufgehört zu suchen und zu fragen: wieso, warum diese Übung, diese Position. Ich
habe überall aufgenommen und gesammelt, bei Erik Bruhn die Bournonville-Technik
kennen gelernt, mit Madame Egorova Cecchetti studiert. Rudolf Nurejew hat mich
oft spät in der Nacht nach seinen Vorstellungen angerufen, um mir zu berichten,
was er Neues erprobt hatte. Ich habe bei Yvette Chauviré, Jean Babilée und
vielen anderen gesammelt. Sie finden bei mir eine große Sammlung, aber ich nenne
immer den Eigentümer!
Welche Meister haben Sie nicht vergessen?
Und warum?
Ich habe das erste Genie nie vergessen, dem ich begegnet
bin: Michail Fokine. Damals war ich 16 Jahre und bin alleine nach Paris
gegangen. Ich vergesse nie, als er mir in die Augen gesehen hat, da war ich wie
verzaubert! Als wir damals „ Prince Igor“ getanzt haben und ihm der Dirigent zu
langweilig spielte, hat er ihm seinen Stock abgenommen und selbst
weiterdirigiert!
Unterricht in der „Casa mia“ durch Marika Besobrasova. Foto: ©
Patricia Kapp
Sind Sie der Meinung, dass man das Lehren lernen
kann? Wenn ja, wie sollte Ihrer Meinung so eine Ausbildung aussehen?
Man muss lernen das Instrument, den Körper, zu kennen. Früher haben
die Lehrer nie so genau die Anatomie studiert. Heute muss ein verantwortlicher
Lehrer genau wissen, wie ein Körper sich entwickelt, um die richtigen Übungen im
richtigen Moment zu lehren. Man kann sich kein neues Instrument kaufen, wann man
die Tanzkunst gewählt hat, dieses einzigartige Instrument muss gepflegt werden,
damit es lange Freude bereitet. Ein Ballettlehrer ist für seine Schüler
verantwortlich, er muss wissen, ob ein Körper die Möglichkeiten besitzt, Ballett
zu studieren. Man muss auch Kunstgeschichte und Tanzgeschichte lehren, damit
unsere Kunst nicht stehen bleibt.
Muss für Sie ein Lehrer
professionell getanzt haben?
Vorzugsweise ja! Der Lebensrhythmus
eines professionellen Tänzers ist ein ganz anderer. Hat man das nicht erlebt,
kann man es nicht weiter geben. Tänzer zu sein, ist Beruf und Berufung, das muss
ein Lehrer vermitteln können.
Was ist für Sie das Wichtigste für
erfolgreichen Unterricht?
Die fortschrittliche Struktur eines
Programms, das die Entwicklung des Körpers berücksichtigt.
Welche
Korrekturen sollen Ihre Schüler nicht vergessen?
Sie sollen sich gut
kennen und sehr wählerisch und fordernd mit sich selbst sein. Man muss sein
ganzes Leben lang seine Kenntnisse vertiefen. In the middle of a difficult
world, we have to find our place as an artist.
. Foto: ©
Autor:
Patricia Kapp